Benthams Panopticon

Ich fand eben einen Text, den ich vor ca. einem Jahr geschrieben habe…

Stell dir vor, du wirst zu einer Freiheitsstrafe verurteilt und in ein Gefängnis gebracht. Du beziehst deine Zelle, die du dir mit einem Zellengenossen teilst. Am ersten Abend im Knast lernst du ihn ein bisschen kennen und schon bald bist du froh, nicht in Isolationshaft oder in einer Gruppenzelle gelandet zu sein. Doch bevor du schlafen gehst, bemerkst du die Kamera, die versteckt in der Zelle installiert ist. Dein Zellengenosse scheint die Kamera nicht bemerkt zu haben. Jetzt, wo du weißt, dass du potentiell immer von einer Autoritätsinstanz überwacht werden kannst, selbst wenn die Zellentür geschlossen und potentiell auch wenn das Licht gelöscht ist, hörst du auf mit bestimmten Dingen. Die Waschbecken-/Toiletten-Kombi, die in der Ecke eurer Zelle steht, bietet für sich schon ein hohes Maß an Entwürdigung, doch nun – mit dem Wissen um die Kamera – fühlst du dich noch einmal schlechter, wenn du sie benutzen musst. Nach einer Woche, nach viel Zeit zum Nachdenken, beschließt du, deinem mittlerweile sehr vertrauten Zellengenossen von der Kamera zu erzählen.

Auch wenn ich immer ein bisschen schmunzeln muss, wenn Menschen von der „Post Snowden Ära“ sprechen, haben die Enthüllungen des Ex-NSA-Contractors das Internet in ein Ding verwandelt, das auf technisch unversierte Menschen zunehmend angsteinflößend wirkt. Wenn man sich nicht mit Verschhlüsselungsmechanismen auskennt, nicht die technischen Kenntnisse hat, den Ausspähversuchen der verschiedenen Überwachsungsinstanzen entgegenzuarbeiten, steht man sehr schnell sehr blöd da. Das Internet ist schließlich für jeden – nicht nur für Digital Natives und Early Adopter, sondern auch für alle anderen – zu einem unverzichtbaren Kommunikationsmittel geworden. Man kann nicht einfach aussteigen – und mit den produktiven Möglichkeiten, die das Internet als bedeutendste Erfindung der Menschheit bietet, stellt sich diese Frage auch gar nicht mehr. Würden wir das Internet von heute auf morgen abstellen (was technisch gar nicht mal so einfach wäre), würde die Welt im Chaos versinken.
Die meisten Menschen, denen das Ausmaß der Überwachung im „Cyberspace“ bewusst wird, reagieren zunächst mit Gleichgültigkeit. Sie behaupten, dass wenn die NSA eh alles lesen könne, es auch keinen Sinn machte, sich besonders um Datensicherheit zu kümmern. Sie behaupten, eh nichts zu verbergen zu haben.

Benthams Panopticon ist ein Entwurf für ein Gefängnis. Die Zellen sind in einem Kreis um einen Wachturm herum angeordnet und öffnen sich jeweils zur Mitte des Kreises. Menschen im Wachturm haben so die Möglichkeit, jede Zelle zu jedem Zeitpunkt einzusehen. Andersherum ist es jedoch für die Zelleninsassen nicht möglich festzustellen, wann sie beobachtet werden. Natürlich ist die Frage berechtigt, inwiefern der architektonische Entwurf eines Gefängnisses als Metapher für das heutige Internet dienen kann, doch die psychologischen Hintergründe zu übertragen ist nicht so abwegig. Abseits der kleinen Gruppe an technikaffinen Nutzern, denen bewusst ist, zu welchem Zeitpunkt sie potentiell im Internet überwachbar sind, entsteht für den 08/15-User eine ähnliche Ungewissheit wie den Insassen in Benthams Gefängnis.

Sehr stark und stümperhaft zusammengefasst sollte die Bauweise nach Bentham einen Überwachungsdruck aufbauen und damit regelkonformes Verhalten forcieren. Dabei wäre es unerheblich, ob in besagtem Wachturm wirklich Beamte postiert wären – verspiegelte Scheiben würden die Einsicht verhindern und so die Ungewissheit stärken.
Nach dem gleichen Prinzip ist es nach den Veröffentlichungen Snowdens unwichtig, ob die NSA wirklich alles abhört. Allein das Wissen, dass dies zu jedem Punkt möglich ist, führt bei Nutzern zu einer Verhaltensänderung.