Bildungsfriedhof Deutschland

Neulich habe ich mir noch einmal Gedanken um meine schulische Situation gemacht.

Irgendwann Anfang 2008 fängt die Situation an, sich zu formen: Ich oute mich in meiner Klasse und stürze mich sozusagen gleichzeitig in eine tiefe Depression. Damals bin ich noch auf einem Gymnasium – auf der Herderschule Lüneburg. Meine depressive Stimmung in Kombination mit meiner grenzenlosen Faulheit macht motoviertes Lernen unmöglich. Bald sehe ich die Schule als etwas schlechtes, dessen Feedback ausschließlich schlecht ist. Ich gehe zwar hin, aber weder mit Freude, noch Ehrgeiz. Zu diesem Zeitpunkt steht inoffiziell schon fest, dass ich entweder auf die Realschule abgehen, oder die Klasse wiederholen werde.

Scheiße! Zumal sich die meisten meiner Lehrer und auch andere Personen in meinem Umfeld sicher sind, dass es bei mir nicht an Intelligenz mangelt. Es ist diese scheiß Faulheit. Ich bin ein König der Prokrastination. Das Zeugnis der achten Klasse zieren vier fünfen und damit steht fest, dass ich nicht weiter komme. Ich entscheide mich für einen Abgang auf die Realschule, weil ich erst mit sieben eingeschult, und in der Grundschule die zweit Klasse wiederholt hatte, da ich mit meiner Mutter ein halbes Jahr lang auf Kur gewesen war, und somit viel Stoff verpasst hatte. Der erste Schultag an der Realschule ist vor allem eines: Neu. Auf der Dorfschule herrscht eine komplett andere Stimmung als an der Herderschule, und das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern ist auch alles andere als harmonisch – zumindest bei einigen Lehrern. Trotz alledem gewöhne ich mich schnell an die dörfliche Atmosphäre der Schule und auch in der Klasse erreiche ich, als jemand, von dem man sorglos abschreiben kann, eine gewisse Beliebtheit. Als ich dann unfreiwillig auch in meiner neuen Klasse geoutet werde, beginnt eine Phase des Mobbings. Sie dauert länger als am Gymnasium – die „Dorfkinder“ brauchen anscheinend länger, um mein Schwulsein zu verarbeiten. Nachdem mein Schulleiter, Herr Griebel, eine ganze Stunde dem Thema widmet, wird das Mobbing weniger. An der Realschule gibt es anfänglich leistungsmäßig keine Probleme. Ich bin im Stoff weit voraus. Das bleibt in fast allen Fächern so, außer in Mathe, und obwohl ich faul bin, sind meine schriftlichen Leistungen – wie gesagt, außer in Mathe – fast immer über dem Durschnitt.

Das Halbjahreszeugnis der zehnten Klasse hat einen Durschnitt von 2,76 – gerundet also 2,8. Das ist nicht schlecht, aber auch nicht besonders gut. Jetzt geht die Suche nach einer weiterführenden Schule los. Mein ehemaliger Klassenlehrer vom Gymnasium erinnert mich daran, dass ich ja auch noch zurück zur Herderschule könnte. Aus Angst, zu viel Stoff aufholen zu müssen, entscheide ich mich aber für die BBS. Die BBS? Da gibt’s doch drei Stück von in Lüneburg! BBS I, mit dem Schwerpunkt Wirtschaft, BBS II mit dem Schwerpunkt Technik und die BBS III, Gesundheit und Soziales – deren Unterricht ist dreigeteilt mit den Schwerpunkten „Ökotrophologie“, „Sozialpädagogik“ und „Gesundheit/Pflege“…

Also: Welchen Schwerpunkt hätten‘s denn gern? Mal überlegen. Ich interessiere mich schon seit jeher für das Thema Medien. Ich habe bereits Layouts für Zeitschriften gestaltet, habe schon so einige Erfahrungen mit Photoshop und meine große Leidenschaft ist es, zu schreiben. Gibt es dazu irgendwelche Fachrichtungen? Fehlanzeige! Und in diesem Moment wünsche ich mir, in einer Medienstadt wie Köln zu leben. Ich entscheide mich also für die BBS I als Erstwahl, da sich Wirtschaft und Medien wohl noch am ehesten vereinen lassen. Als Zweitwahl melde ich mich bei der BBS III – Schwerpunkt Gesundheit/Pflege an, denn ich habe auch ein reges Interesse an Medizin – nicht umsonst habe ich mein leider einziges Betriebspraktikum bei einem Arzt gemacht.

Die Anmeldung erfolgt in diesem Jahr erstmals zweigleisig: Zum einen auf der Internetseite Schüler Online, die mehr schlecht als recht funktioniert und auf der man ein Passwort eingeben soll, dass man von der Schule bekommen hat. Dieses Passwort funktioniert allerdings nicht und man bekommt nach der Eingabe der persönlichen Daten ein neues… Auch über diese Website erhalte ich nach langem Warten eine Absage von der BBS I – diese führe ich zurück auf meine 4 in Mathe. Denn auf einer Wirtschaftsschule sollte man doch schon eine gute Note in Mathe haben. Eine Antwort von der BBS III ist bis jetzt noch nicht eingetroffen. Na gut – ich habe die Schriftliche Bewerbung erst am letzten möglichen Abgabetag abgegeben. Oder? Halt! Nein: Ich bin persönlich zur BBS III gefahren und hatte diesen scheiß Umschlag dabei. Da niemand mehr vor Ort, und das Schulgelände mit einem Zaun versperrt war, tat ich es so, wie auch einige vor mir es getan hatten: Ich warf diesen Scheiß Umschlag in diesen scheiß Zeitungskasten – denn von einem Briefkasten war weit und breit nichts zu sehen. Später musste ich mir anhören, dass anscheinend einige Bewerbungen aus diesem provisorischen Briefkasten entwendet worden seien… Na toll!

So weit, so gut. Vor kurzem fragte ich aber einen Freund, der jetzt schon seit einem Jahr zur BBS III geht, ob es diesen Scherpunkt „Gesundheit/Pflege“ überhaupt gäbe. Seine Antwort war nicht eindeutig, aber es spricht wohl einiges für die Munkeleien, die man immer wieder hört.

Nur mal rein hypothetisch: Sollte es diesen Schwerpunkt nun wirklich nicht geben, stände ich da ohne eine weiterführende Schule. Da ich aber leider noch Schulpflichtig bin, würde ich wahrscheinlich mit lauter Haupt- und Sonderschülern in eine Überbrückungsklasse gesteckt werden.

Und an dieser Stelle muss ich mir mal erlauben dürfen, in die Fäkalsprache abzurutschen: FICK DICH, DEUTSCHLAND!!! Kein Wunder, dass dir die Fachkräfte fehlen!

Sobald ich kann, wander‘ ich aus!