Google Reader ist tot, lang lebe RSS!

Gestern verkündete Google, man werde zum 01. Juli den RSS-Aggregator „Google Reader“ einstellen. Google schießt damit erneut ein Produkt ab, bei dem man sich fragt, wie viele glückliche Nutzer wohl zurückbleiben, die dann nicht wissen, was sie von dem freundlichen IT-Riesen von nebenan halten sollen.

Warte, Google ist kein freundlicher IT-Riese und der Slogan „Don’t be evil“ ist auch nur PR?! Zappalott! Wer hätte das gedacht…

Aus unternehmerischer Sicht macht das ganze – und ich wiederhole hier auch nur das, was viele vor mir schrieben – auf den ersten Blick Sinn. Angebote wie Suche oder Gmail werfen Benutzerdaten ab, mit denen sich personalisierte Werbung schalten lässt. Und wir wissen: Die Werbebranche liebt Werbung, die den User potentiell beeinflussen kann. Diese Dienste finanzieren sich also von selbst. Die Verarbeitung der User-Daten in Gmail erfolgt automatisiert, weswegen die Datenschutzdebatte sich damals auch in Grenzen hielt, und alle sind glücklich.

Google Reader hingegen verarbeitet Daten, die es von öffentlich zugänglichen Websites sammelt. Außer der Leseanalysen, die dank breitgefächerter Drittanbietersoftware nicht mal wirklich zuverlässig sind, kann man den Werbekunden also nicht allzu viel vorlegen. Warum einen solchen Dienst also weiterhin in der Google-Cloud betreiben?

Das Stichwort ist „Image“. Dass Google nicht der verspielte Verein ist, für den es sich gern ausgibt, sollte halbwegs denkenden Menschen klar sein. Nichtsdestotrotz ist es verwunderlich, dass man einen solch beliebten Dienst einfach so abschaltet. Nach dem Bekanntwerden im offiziellen Google-Blog meldeten sich einige Internet-Größen zu Wort, die sich teils satirisch, teils auch einfach nur empört über das Reader-Aus echauffierten. Auch ihnen wird der Profitgedanke Googles nicht unbekannt sein – und trotzdem begegnet diese netzaffine Gruppe der Entscheidung größtenteils mit Kopfschütteln.

Ich für meinen Teil kann behaupten, immer weniger Google-Dienste zu nutzen. Hatte ich einst nicht nur Mail, sondern auch Kalender und Kontakte bei Google (der Reader gesellte sich dann später dazu), wechselte ich mit Einführung der iCloud zu Apples Servern. Wohl wissend um Apples Unfähigkeit, ein Rechenzentrum am Laufen zu halten, jedoch getrieben von der perfekten Synchronisierung zwischen Mac, Web und iPhone. Eine solche Abwanderung kann ich beim Reader noch nicht erkennen, schlichtweg weil mir bis vor ein paar Stunden kein vergleichbarer Dienst bekannt war. Dass sich jetzt so viele Menschen empören zeigt, dass RSS bei Weitem nicht ausgestorben ist. Wenn ihr also zu viel Geld oder schon ein paar Server ungenutzt rumstehen habt, solltet ihr vielleicht einen RSS-Aggregator schaffen und nicht noch einen Musik-Streaming-Dienst. Davon haben wir nämlich langsam genug.

Traurig ist auch, dass viele Entwickler jetzt nicht wissen, was sie mit ihren durchaus profitablen Reader-Clients machen sollen. Die aufgetauchten Alternativen sind momentan restlos überlastet und so ist schwer ersichtlich, wer sich am Ende durchsetzen wird. Außer bestehenden Google-Reader-Nutzern eine Möglichkeit zu schaffen, alte Abonnements in den neuen Dienst zu übertragen, wäre die Replikation der Reader-API und somit die Öffnung für Dritt-Apps nicht allzu profitabel. Man hätte ja anfangs kein Image, das man durch eine solche „Güte“ schützen müsste. Es wird also so sein, dass der sich am Ende durchsetzende Dienst selbst mobile Apps anbietet und die sympathische Wahlfreiheit Geschichte ist.

Man wird sehen. Social Reading à la Twitter oder Facebook ist mir zu sehr ein Vermischen von News mit Privatem. Vielleicht stehe ich mit dieser Ansicht allein da, aber ich möchte nicht wirklich, dass mir meine Freunde sagen was ich lesen soll. Klar, auch im Twitter-Stream ist ab und an ein nützlicher Link dabei, aber die wirklich guten Nachrichten erhalte ich aus den Quellen, denen ich selbst vertraue. Eben den Feeds im Google-Reader, die egal auf welchem Gerät immer synchron sind. Hach. Alles geht vorbei.

Mit Blick auf Google muss ich auch mit dem Kopf schütteln. Auch wenn die oben aufgezeigte Logik immer zutrifft: Warum investiert man dann in andere Dinge, die nicht wirklich Profit bringen? Google-Fiber. Google X. Google Lunar X Prize. Selbstfahrende Autos. Genau: Sie bringen gute PR. Aber tat das der Google-Reader mit seiner immensen Fangemeinde nicht auch?

Google kann nur eines richtig gut. Suchen. Im Web, in Mails, in Videos, in sozialen Interaktionen, in Feeds. Und Google hat das Geld, richtig gute Services und richtig viele Daten zu hosten. Trotzdem hat Google den Einstieg ins Social Web verpasst und sollte sich damit abfinden. Niemand den ich kenne nutzt Google+ wirklich gern. Es ist technisch gut und sieht meiner Meinung nach an vielen Stellen besser aus als Facebook. Aber Facebook war nun mal zuerst da, hat viel mehr Nutzer und Google sollte das einsehen und nicht versuchen, durch zahllose Redesigns seiner Dienste alle in Richtung G+ zu stoßen. Ich mag Google+ nicht, weil mich dort eben nicht meine Freunde erwarten, nicht meine Lieblingsbands und auch nicht die Funktionen, die Synchronisation, die Google Reader seit 2009 zu meinem täglichen Begleiter durch’s Web machen.