Kiezdeutsch

Ich habe gerade zum ersten Mal den Begriff „Kiezdeutsch“ gelesen. Nachdem ich mich vom Schock erholt hatte doch tatsächlich auf einem Artikel der WELT gelandet zu sein, die Facebook-Timeline hat da durchaus Link-verschleiernde Qualitäten, las ich mir den Artikel dann doch durch.

Irgendeine Linguistik-Professorin hat behauptet, Kiezdeutsch, also das „Deutsch der Proletarier“, sei dem Hochdeutsch gleichwertig. Das will der Autor des Artikels nicht hinnehmen. Es wird dann zum Ende des Artikels damit argumentiert, dass es zwei unterschiedliche Gruppen an Sprechern gäbe.

Zum einen gäbe es da die originären Sprecher. Der Autor des Artikels verortet diese in den Migrations-Subkulturen der Kieze deutscher Großstädte. Lustiger Weise musste ich bei dem Beispiel „Machst du rote Ampel?“ zuerst an einige meiner ehemaligen Heimmitbewohner denken. Das waren Deutsche. Der gemeine Politiker würde sie zwar der „bildungsfernen Schicht“ zuordnen, der Artikel in der WELT argumentiert aber mit dem Migrationshintergrund.

Zum anderen seien da die Leute, die zwar Hochdeutsch sprechen können, aber es nicht immer tun. Diese Leute würden Kiezdeutsch vorrangig sprechen, um sich über die originären Sprecher lustig zu machen, was dann mit Blackfacing gleichgesetzt wird.

Dazu nun folgende Feststellungen Meinungen meinerseits:

  • Kiezdeutsch ist ein Scheißwort, weil man in Hamburg beispielsweise nur „den Kiez“ (=Reeperbahn) kennt
  • Kiezdeutsch entsteht nicht durch Migrationshintergrund, kann also auch nicht wirklich rassistisch gemeint sein, wenn man es nachmacht
  • Es nachzumachen ist trotzdem scheiße und vor allem sinnlos
  • Kiezdeutsch entsteht in Subkulturen jeglicher Art, egal ob diese nun einen gemeinsamen Migrationshintergrund haben oder nicht
  • Kiezdeutsch vereinfacht die deutsche Sprache
  • Solange Kiezdeutsch noch eindeutig verständlich ist, ist es ein effizienteres Deutsch
  • Trotz höherer Effizienz verliert Kiezdeutsch an Genauigkeit, wenn es um komplexere Sachverhalte geht, es ist demnach nur gleichwertig, wenn man die Themen beschränkt, über die man mithilfe der Sprache kommuniziert
  • Zu fordern, alle Jugendlichen sollten in WhatsApp gefälligst auf korrekte Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik achten, ist absurd, da die vereinfachte Schreibsprache ihren Kommunikationszweck erfüllt und dabei erheblich schneller ist
  • Die Gruppe der Leute die nur Kiezdeutsch sprechen können ist arm dran. Nicht weil Kiezdeutsch so eine schlechte Sprache ist, sondern weil Hochdeutsch von der Gesellschaft gefordert wird, die es aber nicht hinbekommt, allen Hochdeutsch beizubringen

Mehr braucht dazu nicht gesagt werden.