Meine Musterung

Als ich heute um 12:15h auf dem Weg zum Kreiswehrersatzamt in Lüneburg war, dachte ich angestrengt über meine Rechte nach. „Nein, Lennart, die dürfen dich zu nichts zwingen, die dürfen genauso viel, wie jeder andere Arzt auch.“ Ich war total aufgelöst, seitdem ich mich über die Untersuchungen informiert hatte, die mir jetzt bevorstanden.

Da war es nun – dieses imposante und schrecklich hässliche Gebäude mit den Steinen am Eingang. Meisterweg 75. Ich ging rein und verspürte beim Öffnen der Tür eine Souveränität, bei der ich jetzt immer noch nicht weiß, woher sie in diesem komischen Moment kam.

Ein paar Schritte weiter, vorbei an einem nicht besetzten Anmelderaum, kam ich in ein Treppenhaus. In diesem Treppenhaus waren die Treppen sehr komisch angeordnet. Egal. Ein Schild mit der Aufschrift „Musterung – Anmeldung“ (oder so) führte mich in einen kleinen Raum, in dem ein Soldat saß. Ich kannte diesen Typen nicht, aber irgendwie erinnerte er mich an einen Jungen aus meiner alten Grundschulklasse. „Setzen Sie sich doch erst mal“, sagte der Soldat, dessen Schild ihn als Gefreiter auswies, in einem Ton, den ich von einem uniformierten Menschen nicht erwartet hätte… Ein anderer „Wehrverwaltungsangestellter“ stimmte ihm zu und ich nannte meinen Namen. Große Verwunderung – mein Name stand nicht auf der Liste. Aber warum? – Später stellte sich heraus, dass mein Musterungstermin erst am 08. April gewesen wäre…

Mir wurde ein Formular zur Erstattung meiner Fahrkosten gegeben, das ich in einem Warteraum ausfüllte. In diesem ersten Wartezimmer, auf das noch einige andere folgen sollten, saßen Jugendliche, die durchweg älter aussahen als ich. Als ich eintrat, wurde ich von ihnen eine halbe Sekunde gemustert (was für ein Wortspiel) um dann für die restliche Wartezeit ignoriert zu werden. Irgendwann wurde ich aufgerufen. „Dann kommen sie bitte einmal mit mir mit.“ Ich folgte dem etwas älteren Herrn. Er sah nicht aus wie ein Arzt, was meine Anspannung in diesem Moment etwas abflauen ließ. Wir gingen in einen kleinen Raum, der fast vollständig von einem Schreibtisch ausgefüllt wurde. Der Schreibtisch war nett eingerichtet und bot genügend Platz, um mehr als nur den PC zu beherbergen. Ich setzte mich und gab nun meine Personalien preis, die aber schon ohne Fehler im System waren. Nur zur Sicherheit halt… Jetzt sah ich auch, dass die Oberfläche, an der er die ganze Zeit herumtippte kein wirkliches Programm, sondern nur eine Art Webinterface war – Facebook à la Bundeswehr. Wirklich aufmerksam wurde ich erst wieder, als der Mann auf meine Kriegsdienstverweigerung zu sprechen kam: „Sie haben sich ja in ihrem KDV-Antrag ja schon in eine bestimmte Richtung geoutet“, sagte er ohne jeden Unterton, was mich erst mal beeindruckte, „…hätten Sie aber nicht machen brauchen. Das ist heutzutage auch kein Grund mehr, ausgemustert zu werden.“ Ich stimmte ihm zu, sagte aber, er würde es bestimmt nicht abstreiten, dass Homosexualität bei der Bundeswehr schon noch so ein Thema war – zwar nicht offiziell (was ich auch super finde), aber irgendwie passte das da nicht rein.

Ich wurde einen Warteraum weiter geschickt. Nun befand ich mich in dem ärztlichen Trakt, meine Anspannung ging wieder etwas in die Höhe. Der Raum war weiß gestrichen und es herrschte eine stille Atmosphäre, auch wenn die Wände sehr hellhörig waren. Ich wurde wieder aufgerufen und mir wurde ein Schloss gegeben, mit dem ich meinen Schrank abschließen sollte. „Erlaubt sind T-Shirt, Boxershorts und Badelatschen, keine Socken!“, sagte mir eine Frau, die mir bisher als einzige Person unsympathisch vorkam. Sie führte mich in die Umkleide und ließ mich stehen (was auch ganz gut so war). Ich zog mich aus und hatte natürlich keine Badelatschen dabei, schließlich war ich grad von der Schule gekommen. Neben mir war mittlerweile ein anderer Jugendlicher damit beschäftigt sich anzuziehen. Mehr zu mir selbst als zu dem Jungen sagte ich „Scheiße, jetzt hab ich keine Badelatschen dabei.“ Der Junge sagte mir, er habe eben ein paar andere Jungs gesehen, die ebenfalls keine Badelatschen trugen, sondern Socken, und bei denen auch nichts gesagt worden wäre. Ich glaubte ihm und ging in T-Shirt, Boxershorts und Socken in einen neuen Warteraum. Nach kurzer Zeit wurde ich wieder aufgerufen und ging in den Rau8m, in dem ich das Schloss bekommen hatte. Die unsympathische Frau fragte mich, ob ich keine Badelatschen dabei hätte, worauf ich ihr die Sache mit dem Typen erzählte. Sie wirkte gehetzt, obwohl ihr Umfeld so entspannt wirkte, wie ich es sonst nur aus dem Jugendamt kannte. Sie bedeutete mir, mich auf die Waage zu stellen. Danach wurde ich noch gemessen und sollte eine Urinprobe abgeben. Zum Glück durfte ich dazu ein einen separaten Raum. Zum Schluss wurde ich wieder in das Wartezimmer geführt. Erst jetzt hatte ich Zeit, mich in diesem Raum umzusehen. Auch dieser zweite Raum war weiß und hatte geteilte Fenster, deren untere Hälfte milchig war. Vor dem Fenster hing ein Lamellenvorhang halb offen. Über der Tür hing eine Uhr, die nicht mehr tickte und auf acht Uhr etwas stehengeblieben war. Die Uhr hatte recht: Hier schien die Zeit wirklich still zu stehen. Während ich wartete, kamen einige Jugendliche hinein, wurden aufgerufen und gingen wieder. Alle waren sie in Boxershorts und T-Shirt, alle begutachteten sie den Boden. Niemand sah auf oder wagte es auch nur, den anderen einmal anzusehen. Irgendwann saß ich allein mit einem Typen im Raum, der ziemlich nerdig aussah. Ich hatte das Bedürfnis zu sprechen, also sagte ich etwas belangloses, was trotzdem zum Thema passte: „Und, verweigerst du?“ Ich dachte mir, dass er sicherlich verweigern würde, denn er sah nicht gerade körperlich fit aus. Er sah aus, als würde er den ganzen Tag World of Warcraft zocken. „Nein. Ich hab mich jetzt als Offizier (oder so) beworben. Wenn man nichts Vernünftiges kann, was soll man dann machen…?“ „Ich kann was vernünftiges“, war meine Antwort. Er gab irgendwas Unverständliches zurück und ich wunderte mich, warum er so ehrlich zu sich selbst war. Ich sagte noch, dass ich eigentlich gar keinen Bock auf die Musterung hätte und etwas wie, dass mir die ganze Institution Bundeswehr irgendwie fremd war. Seine Antwort war schon etwas ausgefallener: „Naja – wann sieht man mal lauter Jungs in Boxershorts, die alle beschämt zu Boden gucken? So etwas erlebt man nicht häufig, hoffe ich zumindest.“

„Lennart Pelz bitte.“ Ich ging hinter der heiseren Frau hinterher und gelangte in ein Zimmer, das schon mehr an einen Arzt erinnerte. „Dann setz dich mal bitte da hinten auf den weißen Stuhl.“ Ich setzte mich. Ein Sehtest wurde durchgeführt, den ich ja schon zu Genüge vom Augenarzt kannte. Da ich meine Kontaktlinsen nicht drin hatte, sah ich natürlich weit weniger als sonst. Danach folgte ein Hörtest, der neu für mich war. Allerdings fand ich ihn auch sehr nützlich, denn wenn man schon mal da ist, kann man auch gleich noch erfahren, wie schwerwiegend man denn schwerhörig ist, von dem ganzen Kopfhörer-Gedröhne… „Das ist okay“, sagte sie, als der Test abgeschlossen war. Ich hakte nach. „Okay oder gut?“ Das interessierte mich wirklich, denn ich bin ein ziemlich exzessiver und vor allem lauter Musikhörer… „Nee, nee, das ist schon gut. Gutes hören.“ Ich wurde wieder zurück in den Warteraum geschickt. Jetzt war der Nerd verschwunden, stattdessen saß dort jetzt ein Typ, der weit besser aussah. Er guckte nicht wie ich in der Gegend rum, sondern tat so, als müsse er sich ganz doll auf das Kaugummipapier in seiner Hand konzentrieren. Schließlich stand er auf und ging zum Mülleimer. Nachdem er das Papier entsorgt hatte, setzte er sich wieder auf genau den gleichen Stuhl. Ich hätte das auch so gemacht, aber in diesem Moment stellte ich mir die Frage, warum Menschen das tun. Warum setzen sie sich grundsätzlich weit auseinander, wenn sie sich nicht kennen – und warum wieder auf den gleichen Stuhl? Naja, egal.

Ich wurde wieder aufgerufen. Jetzt betrat ich einen Raum, auf dessen Tür ein Schild „Bitte nur nach Aufruf eintreten!“ (oder so) prangte, also würden nun die schrecklichen Behandlungen durchgeführt werden… Nein! Ich trat in einen hellen, freundlichen Raum ein (er war wirklich heller als die andern…), der fast vollständig von zwei großen Schreibtischen ausgefüllt wurde. Ich wurde begrüßt und zu meiner psychischen Vorgeschichte befragt. Die Ärztin, die trotz ihres mittleren Alters immer noch “frisch” wirkte, kam mir sehr sympathisch vor. Schnell war klar, dass ich Wehrdienstunfähig war, und so vertrieben wir uns noch die Zeit mit netten Gesprächen, die sich um meine berufliche Zukunft drehten, da ich in dem Gespräch einige medizinische Fachbegriffe genannt hatte. Während die andere Frau, offensichtlich eine Assistentin, die Adressen meiner Ärzte bei gelbeseiten.de heraussuchte, fing ich an, ein paar Formulare auszufüllen – die Ärztin hatte Untersuchungen abgebrochen, da ich auch aus psychischen Gründen ausgemustert würde. “So, dann ziehen Sie sich jetzt wieder vollständig an und gehen dann in den ersten Stock. Da bekommen Sie dann ihre Schulbescheinigung” Die beiden verabschiedeten sich und ich hatte das Gefühl, dass sie sicher auch mit unhöflicheren Personen zu tun hatten. “Tschüss und schönen Tag noch!”, gab ich zurück. Auch wenn sich diese Phrase bei mir in letzter Zeit sehr verselbstständigt hatte – eben hatte ich es ernst gemeint. Diese beiden Personen waren das krasse Gegenteil von dem, was ich mir bisher unter “Bundeswehr” vorgestellt hatte.

Ich ging in den Umkleideraum, zog mich an ging auf den Flur, in das Treppenhaus mit den komischen Treppen. Schließlich trat ich ein in einen großen und ebenfalls sehr hellen Raum. Dieser war mit Postern geschmückt, auf denen Panzer, Boote und Kampfjets der Bundeswehr zu sehen waren – nebst stets gut gelaunten Streitkräften. “Ob die Soldaten wohl auch so eine gute Laune hatten, als sie den Angriff auf den Tanklaster im Kundus verübten?”, dachte ich sarkastisch. In dem Raum waren außerdem einige hässliche Zettel angehängt, auf denen das hohe Einkommen eines Soldaten klar gemacht wurde. Außerdem konnte man sich die Laufbahnen der verschiedenen Ränge angucken. Mit mir saßen noch zwei andere Personen im Raum. Ich hatte sie schon einmal im Warteraum ein Stockwerk tiefer gesehen. “Was die wohl vorhaben? Verweigern oder Grundwehrdienst?”, fragte ich mich, während mir auffiel, dass wir alle ein Schloss in der Hand hielten. Nach ewiger Wartezeit wurde ich dann aufgerufen. “Lennart Pelz…”, sagte eine hohe Stimme – und die Frau, von der diese Stimme ausging war… sagen wir “füllig”. Ich war überrascht über den Unterschied zwischen dem stimmlichen und körperlichen Erscheinen dieser Frau. Aber die Stimme von Angela Merkel passt ja auch irgendwie nicht zum äußeren Erscheinungsbild unserer Kanzlerin… Während ich ihr in einen kleinen Raum folgte, dachte ich “Aha – sowas arbeitet also auch beim Bund.” – und ohrfeigte mich im selben Moment in Gedanken, da diese Denkweise eigentlich nicht zu meinem Repertoire gehörte. Die Frau gab mir, ohne nervende Förmlichkeiten zu verschwenden meine Ausmusterungsformulare und sagte dann noch etwas zum Thema Datenschutz. Nach diesen Erläuterungen entstand dann noch ein kurzes Gespräch zum Thema Datenschutz, von dem wir dann auf Amazon kamen. Kurze Zeit später, nachdem ich mich noch in der Anmeldung abgemeldet hatte, ging ich wieder durch diese hellblaue Glastür, durch die ich Eingetreten war. Und die Souveränität war jetzt noch viel größer.