StreamOn: über Netzneutralität und eine geniale Geschäftsidee

Gestern wurde bekannt, dass die Bundesnetzagentur Nachbesserungsbedarf beim Telekom-Angebot „StreamOn“ sieht. Die Entscheidung der BNetzA ist allerdings noch nicht rechtskräftig – die Telekom, offenbar mit einem völlig anderen Verständnis von Netzneutralität ausgestattet, hat bereits Widerspruch angekündigt.

Doch welches Problem versucht „StreamOn“ eigentlich zu lösen? Wie ist es technisch umgesetzt und warum ist „StreamOn“ eine wahnsinnig geile Geschäftsidee?
Ich versuche mal ein bisschen Klarheit zu schaffen.

Gutes Netz, schlechte Tarife

Die Deutsche Telekom hat, das muss man nunmal zugeben, das beste Mobilfunknetz in Deutschland, besonders bei LTE-Geschwindigkeiten hängt sie Vodafone regelmäßig ab (wobei der Irrsinn der LTE-Frequenzen einen ganz eigenen Artikel wert ist).
So ein starkes Netz verlockt dazu, auch unterwegs datenintensive Dienste wie Netflix oder Spotify voll auszukosten. Aber halt, es ist Deutschland hier, wer monatlich keine 200€ übrig hat, bekommt bei der Telekom auch nur Volumentarife mit der klassischen Drosselung. Doof, wenn nach einer Episode „Stranger Things“ in 4K das Datenvolumen für den restlichen Monat weg ist und die Drossel praktisch einer Blockade gleichkommt.
Da wäre es doch nice, wenn man mit einer Tarifoption verschiedene Streaming-Anbieter am Datenzähler vorbeileiten und damit onStreamen (öhöhöhö) könnte.

Nette Idee, technisch plump

Hat man „StreamOn“ gebucht, wirkt sich der Datenverkehr von Netflix, Amazon Prime Video und Co nicht mehr auf den monatlichen Zähler aus. Um nun nicht an all dem Traffic zu ersticken, macht sich die Telekom das adaptive Streaming der Anbieter zunutze. Das ist eigentlich dafür gedacht, den Stream z.B. bei schlechtem Empfang automatisch auf eine niedrigere Qualitätsstufe umzustellen. Es funktioniert allerdings genauso gut, wenn die Telekom künstlich für „schlechten Empfang“ sorgt, indem sie den Stream-Traffic drosselt. Scheinbar fällt diese Drossel bei verschiedenen Tarifen unterschiedlich stark aus, sodass man mit „StreamOn“ unter Umständen trotz vollem LTE-Empfang nur SD-Qualität zu sehen bekommt.

Das mag den ein oder anderen Kunden stören, den meisten Nutzern wird es jedoch nicht auffallen. Insgesamt fließt weniger Traffic durch das Telekom-Netz. So spart sich die Telekom zum einen den Netzausbau, zum Anderen wird auch die spärliche Anbindung der Telekom zu den Content-Anbietern geschont („Peering und das Selbstbild der Telekom“ wäre auch ein guter Artikel…).

Aus technischer Sicht tut „StreamOn“ damit genau das, was das Gebot der Netzneutralität verhindern soll: die Diskriminierung zwischen verschiedenen Daten.

Eine geniale Geschäftsidee

Let's recap:
Streaming verursacht Datenverkehr. Dieser Datenverkehr wird immer mehr, eigentlich müsste man das Netz noch viel stärker ausbauen. Aber das kostet Geld. Was macht man also? Richtig: man bietet eine Tarifoption an, die teilweise sogar Geld kostet, und eigentlich nicht viel mehr tut, als Streaming-Traffic zu drosseln. Der Kunde zahlt nun also dafür, dass er weniger Bandbreite für Datenintensive Anwendungen nutzen kann. Es fließen weniger Daten durch's Netz, der Netzausbau kann also doch noch ein bisschen warten.
In Zukunft könnten neben den Kunden auch die Content-Anbieter für diesen exklusiven Zugang zu „StreamOn“ zahlen.

Das ganze ist eine klare Verletzung der Netzneutralität und bietet viel Potenzial für Double Paid Traffic, vor dem die Telekom auch beim Thema Peering nicht zurückschreckt.

Yay für die Telekom (Kosten sparen, Geld für nichts reinholen),
scheiße für den Kunden (miese Qualität, miese Auswahl),
in Zukunft möglicherweise auch scheiße für den Wettbewerb, wenn sich Startups die Zugangsgebühr nicht leisten können.

Im Grunde also ein klassisches Telekom-Produkt.

Update: in einer früheren Fassung des Artikels sprach ich davon, dass die Content-Anbieter der Telekom schon heute Geld für den Zugang zu „StreamOn“ zahlen. Dies ist momentan scheinbar noch nicht der Fall, daher habe ich die entsprechenden Stellen angepasst.