Über Smartwatches und vibrierende Brustgürtel

Wie viele von euch sicher mitbekommen haben, bin ich ein Verfechter von Smartwatches. Ich bin außerdem schon lange Pebble-Nutzer und und während so mancher Kickstarter-Backer von damals™ (ich bin übrigens keiner) die erste richtige Smartwatch sehnsüchtig erwartete, nur um sie anschließend in einer Schublade verschwinden zu lassen, habe ich meine Pebble seit gut sieben Monaten ständig am Handgelenk. Ich trage sie auch im Schlaf, lasse mich morgens zuerst von leichten Vibrationen am Handgelenk wecken, Dusche, Bade und Schwimme mit der Pebble und nehme sie nur dann ab, wenn sie ca. alle sieben, acht Tage geladen werden will. Ich habe die Pebble also vollständig in meinen Alltag integriert.

Die Smartwatch im Mainstream

2015 soll angeblich das Jahr sein, in dem die Allgemeinheit Wearables – und durch die Apple Watch insbesondere intelligente Uhren – als Mainstream akzeptiert. Die ersten Apple Watch-Reviews sind jedoch nicht so pralle, was viele „normale“ Menschen vom Kauf abhalten wird. Leider übersehen die meisten Autoren solcher Reviews, was eine Smartwatch eigentlich tun sollte – und was nicht. Meiner Meinung nach geht Apple mit sehr eingeschränkten Apps genau den richtigen Weg. Man bekommt Nackenschmerzen, wenn man allzu lange auf seine Uhr starrt, außerdem sieht es ziemlich scheiße aus. Die Offline-Features der Apple Watch (Musikhören, Fotos angucken) gehen mir fast schon zu weit und ich vermute, dass der interne 8GB-Speicher nur als Preisrechtfertigung gegenüber Skeptikern dienen soll.

Purismus und Sync-Chaos

Die Pebble hat keinen nennenswerten internen Speicher, kann keine Fotos anzeigen, geschweige denn irgendetwas abspielen. Sie ist ohne Smartphone quasi funktionslos und damit im Bezug auf Content – Inhalte, die Nutzer konsumieren – stateless. Das ist sehr, SEHR, SEHR wertvoll. Wir jonglieren heute schon (wenn wir von einem Apple-Universum ausgehen) Inhalte zwischen Mac, iPad und iPhone. Jedes dieser Geräte ist für bestimmte Inhalte besonders gut geeignet. Musik wird vielleicht auf dem Mac gelagert, jedoch auf dem iPhone mobil am ehesten gehört. Fotos werden mit dem iPhone aufgenommen, sollen jedoch für später auf dem Mac gesichert werden. Anschauen lassen sie sich vielleicht am besten am iPad. Kurze Texte unterwegs am iPad schreiben? Klar. Aber vielleicht will man sie später mit einer richtigen Tastatur noch einmal überarbeiten.
Die generell noch weiter ausgeprägte Inkonsistenz von Produkten im Google-Universum machen die Content-Jonglage noch komplizierter.

Ein Gerät, welches nicht noch weiter, verzweigter mit Inhalten versorgt werden muss um seinen Zweck zu erfüllen, ist also eigentlich nur gut. Smartwatches werden gern mit Funktionen überladen, weil der gemeine Kunde denkt, er müsse für viel Geld möglichst viele Features bekommen. Der gemeine Kunde hat aber wie so oft keine Ahnung.

Information, aber differenziert

Was eine Smartwatch zu allererst können sollte ist das Anzeigen von Benachrichtigungen. Bei der Apple-Watch ist es (zumindest momentan) so, dass man die Benachrichtigungen nicht wirklich differenziert filtern kann. Das hängt mit Apples Push-Service zusammen, der bisher nicht zwischen verschiedenen Benachrichtigungen einer App unterscheidet. Unter Android ist es ähnlich, wenn die App den Push-Service des Systems nutzt. Viele Nutzer haben deshalb Angst, ständig von ihrer Smartwatch genervt zu werden. Sie würden beispielsweise gern die Benachrichtigung über eine Erwähnung auf Twitter am Handgelenk spüren, nicht jedoch, dass mal wieder jemand irgendeinen Tweet favorisiert hat. Auf dieses Problem hat Apple bisher keine Antwort, weil der Unterbau es einfach technisch nicht leisten kann. Entweder eine App pusht aufs Handgelenk oder eben nicht.

Klar wäre eine feinere Differenzierung wünschenswert und die Apple Watch wird Cupertino dazu drängen, das Benachrichtigungssystem unter iOS grundlegend aufzubohren. Im oben genannten Beispiel würde ich wahrscheinlich einstellen wollen, dass besagte Fav-Meldungen gar nicht erst im Notofication-Center des Telefons erscheinen, weil ihre Persistenz für mich keine Rolle spielt. Die Information darüber ist im Moment des Geschehens durchaus wünschenswert, danach jedoch ziemlich egal. Da ich auf Erwähnungen später aber vielleicht regieren möchte, wäre ihre Aufbewahrung im Notification Center hingegen sinnvoll.

Ich würde aber nicht zwischen – sagen wir – Lockscreen des Telefons und Smartwatch differenzieren, denn genau dafür ist die Smartwatch da: sie soll Nutzern die Möglichkeit geben, in so kurzer Zeit wie möglich eine Zustandsänderung zu registrieren. Wenn jemand einen meiner halblustigen Tweets favorisiert, vibriert meine Pebble kurz. Im Meeting bekommt das niemand mit. Ich schiele kurz auf das E-Paper-Display, habe die Information im Kopf und dabei weder mich noch meine Kollegen abgelenkt. Hätte ich die Vibration in der Hosentasche gespürt, wäre mir nichts übrig geblieben, als das iPhone unterm Tisch herauszuholen und nachzuschauen – was zu Ablenkung geführt hätte. Nicht nachzugucken ist keine Option, dafür bin ich zu vernetzt und außerdem hätte es ja auch etwas wichtiges sein können.

Die einfachsten Smartwatches lösen dieses Problem bereits.

Uhr, nerv nicht!

Jede weitere Funktion einer Smartwatch sollte sich darauf konzentrieren, Aufgaben, die sonst das Herausfischen des Smartphones erfordern würden, über die Watch abzuwickeln, sofern diese ebenjene Aufgabe mindestens genauso gut erfüllt.

Swarm-Checkin? Ja, bitte!
Musik-Steuern? Ja.
Den Artikel hinter einer Benachrichtigung der Zeit-Online-App fürs spätere Lesen markieren? Ja, gerne.

Bilder anschauen? NEIN!
Filme gucken? WHAT THE FUCK?!
Schritte zählen? Nein!

Warte, keine Schritte zählen? Nein, verdammt. Die Position des Telefons (in der Tasche, an der Hüfte) ist zum Messen der Schritte viel besser geeignet als das Handgelenk. Punkt.

Die wichtigsten Aufgaben einer Smartwatch sind also, noch mal zusammengefasst, die Benachrichtigung des Nutzers und sehr einfache Feedback- und Steuerfunktionen. Schuster, bleib bei deinen Leisten, könnte man hier mahnend einfügen.

Das ist erst der Anfang

Ich finde es gut, dass smarte Uhren die gesellschaftliche Akzeptanz von Wearables steigern werden, weil damit auch der Weg für zukünftige Geräte geebnet wird. Es geht mir gar nicht mal um irgendwelche Brillen, die das Sichtfeld mit Informationen anreichern, sondern um Devices wie feelSpace, die den funktionell Dynamischen Aufbau des Gehirns nutzen, um neue Sinneseindrücke zu erzeugen. Warum sollten wir nicht in Zukunft einen kleinen Aufkleber am Rücken tragen, der per Bluetooth mit dem Smartphone verbunden ist und uns Benachrichtigungen durch eine neu erlernte Sinneswahrnehmung vermittelt. Das wäre cool.